Georg Kaisers Ausweis der Reichsschrifttumskammer
Georg Kaisers Ausweis der Reichsschrifttumskammer
Georg Kaiser ist nicht Emigrant, sondern wohnt meines Wissens immer noch in Grünheide in der Mark. Kaiser wird als Mitglied 11160 meiner Kammer geführt. Das Bühnenschrifttum Kaiser’s war bis zur Machtübernahme ein sehr ausgedehntes und umfaßt etwa 30 Stücke […]. Das gesamte Schrifttum Kaiser’s ist seit Jahr und Tag verschwunden, weil es allzu sehr mit der Systemzeit verknüpft war und im Dritten Reich keine Geltung mehr haben konnte. (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Abteilung II A)
Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda über Georg Kaiser, 1938
Am 5. Mai 1933 erfolgte der Ausschluss Georg Kaisers aus der Preußischen Akademie der Künste. Zuvor waren im Völkischen Beobachter Anfeindungen gegen den berühmten expressionistischen Dramatiker ergangen, wonach das im Februar in Leipzig erfolgreich uraufgeführte Stück Der Silbersee mit Musik von Kurt Weill „undeutsche“ und „kulturbolschewistische“ Propaganda darstelle. Umso erstaunlicher mutet daher der Umstand an, dass Kaiser noch im November 1936 ein vom Kammerpräsidenten Hanns Johst unterzeichneter Mitgliedsausweis der Reichsschrifttumskammer ausgestellt wurde. Handelte es sich um einen letzten Versuch des Regimes, Kaiser trotz öffentlicher Verbannung und Verunglimpfung auf dem Weg der Bürokratie doch noch für die Zwecke der gleichgeschalteten nationalsozialistischen Kulturpolitik einzuspannen? Werner Mittenzwei berichtet davon, dass Propagandaminister Joseph Goebbels und Hermann Göring Georg Kaiser wegen seines Stücks Die Bürger von Calais gerne für sich gewonnen hätten. An der unversöhnlichen Haltung des Dichters gegenüber dem Nationalsozialismus vermochte der Ausweis indes nichts zu ändern: So hatte Kaiser nachweislich Kontakt zu Widerstandskreisen und ließ pamphletistische Flugblätter verteilen. Unmittelbar vor einer Hausdurchsuchung der Gestapo flüchtete der vorgewarnte Georg Kaiser im Juli 1938 über die Niederlande in die Schweiz.
Weiterführende Literatur:
Mittenzwei, Werner: Exil in der Schweiz. Frankfurt am Main: Röderberg-Verlag 1979, S. 267-281.
Kunst und Leben. Georg Kaiser (1878–1945). Hg. von Sabine Wolf. Berlin: Akademie der Künste 2011.