Exilforschung in Deutschland

Ausstellungseröffnung Exilliteratur, 1968
Eröffnung der Ausstellung Exil-Literatur 1933-1945 am 18. Januar 1968 im Nationalmuseum Luxemburg in Anwesenheit von Außenminister Willy Brandt (1. Reihe, dritter von links)
Fotografie: René Weydert, © Luxemburger Wort/www.wort.lu

Exilforschung in Deutschland

Aufgabe der Exilforschung scheint mir demnach zu sein, das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis zugleich an einem historisch und anthropologisch verbindlichen Gegenstand zu schulen. Eine solche Exilforschung [...] würde gehört und verstanden werden, weit über die Kreise der „Betroffenen“ und die Fachkreise hinaus.

Wolfgang Frühwald, Die „gekannt sein wollen“. Prolegomena zu einer Theorie des Exils, 1995


Womit befasst sich Exilforschung? Die Frage nach dem Gegenstand der Exilforschung muss immer wieder neu gestellt werden. Heute, im Zeitalter der Migration, in dem nach Angabe der Deutschen UNESCO-Kommission fast 3 Prozent der Weltbevölkerung internationale Migranten sind, stehen Fragen nach der Auswirkung des Exils für die Ursprungs- und Aufnahmeländer, nach Wissens- und Kulturtransfer im Interesse der Forschung. Die Anfänge der Exilforschung liegen in der frühen Nachkriegszeit. Damals hatten es die ehemals Exilierten selbst übernommen, mit Überblicksdarstellungen und Anthologien auf die Thematik aufmerksam zu machen.

Mit Einsetzen des Kalten Krieges und der Etablierung der beiden deutschen Staaten setzte eine politische und ideologische Prägung ein, die den Blick der Forschung verengte. In der DDR, in der politische und kulturelle Spitzenpositionen mit Remigranten besetzt waren, wurden der kommunistische Widerstand und das antifaschistische Exil erforscht. In der Bundesrepublik hingegen setzte ab den 1950er Jahren eine Phase des Beschweigens ein. Statt mit Exil befassten sich westdeutsche Historiker mit dem bürgerlichen, kirchlichen und militärischen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime.

Erst Mitte der 1960er Jahre, mit dem sich verändernden gesellschaftlichen und politischen Klima, begann eine neue Phase der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Das Deutsche Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek setzte 1965 mit der Ausstellung Exil-Literatur 1933-1945 einen Impuls zur Aufarbeitung des Themas. Die Forschung nahm zunächst das literarische und politische Exil in Tagungen, Symposien und ersten Publikationen in den Blick. 1969 begann die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit der Förderung und richtete bald ein Schwerpunktprogramm zur Exilforschung ein. Das „andere Deutschland“ und der Antifaschismus-Begriff waren Kernpunkte der westdeutschen Forschung. „Gesucht wurde das über die Theorie hinaus für die Gegenwart Anwendbare“, formulierte Werner Berthold und wies darauf hin, dass dabei die Gefahr nahe lag, nur „das zu suchen, was man finden wollte [...] und nur einen Teil der komplizierten Wirklichkeit zu sehen“ (in: Nach dem »Paradigmenwechsel«. Brita Eckert und Harro Kieser sprechen mit Werner Berthold, 1996). Mitte der 1980er Jahre setzte eine Veränderung ein. In den Fokus rückten nun Themen wie das Exil von Wissenschaftlern (und damit verbunden eine Hinwendung zur Akkulturationsforschung), das „Exil der kleinen Leute“ (Wolfgang Benz) und die Frauen- und Genderforschung. Besonders die Ausweitung der Forschung auf das jüdische Exil war auf einen öffentlichen Bewusstseinswandel zurückzuführen. Die Fernsehserie Holocaust (1979), der Dokumentarfilm Shoah (1985) und der Historikerstreit Mitte der 1980er Jahre sind Hinweise darauf. Die in der Exilforschung lange aufrecht erhaltene Unterscheidung zwischen politischem Exil einerseits und unpolitischer – vorwiegend jüdischer – Emigration andererseits wurde aufgegeben.

1984 gründete sich die Gesellschaft für Exilforschung, deren erster Vorsitzender Ernst Loewy wurde. Seit einigen Jahren erhält die Exilforschung Anregungen von den neueren Kulturwissenschaften, die Begriffe wie Identität und Heimat kritisch hinterfragen und den Blick auch auf das Neue richten, das durch Wanderungsbewegungen entsteht. Es bleibt Aufgabe der Exilforschung, die Ergebnisse der jahrzehntelangen Erforschung des deutschsprachigen Exils 1933-1945 für die Auseinandersetzung mit Migration und Exilen der Gegenwart nutzbar zu machen und sie damit und mit neuen Forschungsansätzen in Beziehung zu bringen.

Weiterführende Literatur
Krohn, Claus Dieter: Exilforschung. Version: 1.0, In: Docupedia-Zeitgeschichte, www.docupedia.de (20.12.2012)
Krohn, Claus Dieter / Winckler, Lutz (Hg.): Exilforschungen im historischen Prozess. München: edition text + kritik 2012
Langkau-Alex, Ursula: Geschichte der Exilforschung. In: Krohn, Klaus Dieter u.a. (Hg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 1195-1209