Sonderausstellung: Ludwig Meidner

Remigration

Paul Dessau, remigrierter Komponist
Der remigrierte Komponist Paul Dessau zu Gast bei der Brigade „Dolores Ibarruri“ im VEB Braunkohlenkombinat Espenhain 1970. Er engagierte sich für Kunstvermittlung unter Werktätigen.
© Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig
Sonderausstellung: Ludwig Meidner

Remigration

Die Fahrt ins Exil ist ´the journey of no return´. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren - aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist.

Der Remigrant Carl Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir, 1966


Während die Emigration aus dem Machtbereich der Nationalsozialisten seit 1933 ein Massenphänomen war – man spricht von geschätzten 500.000 Personen – ist die Zahl der Rückkehrer in ihr Herkunftsland oder ein europäisches Nachbarland weit geringer. Nur wenige Tausend kamen zurück. Exil und Remigration der „kleinen Leute“, die nicht wie bekannte Künstler, Wissenschaftler oder Politiker Personen des öffentlichen Lebens waren, sind dabei schwerer zu fassen als die prominenten Persönlichkeiten.

Die Rückkehr nach Deutschland nach dem Krieg war unter Künstlern umstritten. Beispielhaft ist die öffentliche Auseinandersetzung zwischen den Schriftstellern Walter von Molo und Frank Thiess, die in Deutschland geblieben waren und eine entbehrungsreiche „innere Emigration“ für sich geltend machten, und dem Emigranten Thomas Mann, der der Aufforderung zur Rückkehr nicht Folge leisten wollte. Die in verschiedenen Zeitungen 1945/1946 ausgetragene Kontroverse legte die Auffassungsunterschiede darüber offen, ob angesichts der Verbrechen der Nationalsozialisten eine Distanz zu Deutschland aufrecht erhalten werden sollte und wie ein Neuanfang zu gestalten sei. Mann ließ sich nicht erweichen und wurde deshalb scharf angegriffen. Die Debatte spiegelte ebenso die tief sitzenden Widersprüche im Umgang mit der deutschen Vergangenheit als auch Vorbehalte, die in der breiten Bevölkerung gegenüber Remigranten verbreitet waren.

So waren die Rückkehrer aus dem Exil den Vorwürfen ausgesetzt, sie hätten auf „Logenplätzen der deutschen Tragödie“ zugeschaut. Diese Auseinandersetzung führten vor allem Schriftsteller. Doch die Anfeindungen galten Künstlern aller Sparten, die zurückkehrten. Künstler und Wissenschaftler kehrten überwiegend später zurück als die emigrierte Politiker oder Wissenschaftler und Vertreter anderer Berufsgruppen. Das lag zum einen daran, dass sie sich im Exilland oftmals eine neue künstlerische oder wissenschaftliche Existenz aufgebaut hatten, aber auch daran, dass viele von ihnen Juden waren und sich aus diesem Grund nur schwer entschließen konnten, nach Deutschland zurückzukehren.

Bemühungen um die Remigration von Exilanten gab es zwar seit 1945 auch in Politik und Wissenschaft, Parteien und Universitäten veröffentlichten Aufrufe oder schrieben Persönlichkeiten im Exil direkt an, die Remigranten wurden aber keineswegs überall und in allen Fällen mit offenen Armen empfangen. 1947 verabschiedete eine gesamtdeutsche Ministerpräsidentenkonferenz eine Resolution, in der es hieß: „Die in München versammelten Chefs der deutschen Länderregierungen richten an alle Deutschen, die durch den Nationalsozialismus aus ihrem Vaterland vertrieben wurden, den herzlichen Ruf, in ihre Heimat zurückzukehren. [...] Ihrer Aufnahme in unserem überbevölkerten und unwirtlich gewordenen Lande stehen zwar große Schwierigkeiten gegenüber. Wir werden aber alles tun, um gerade ihnen ein neues Heim zu schaffen.“ Der Aufruf setzte sich zum Ziel, mit Hilfe der Rückkehrer „ein besseres Deutschland aufzubauen“. (Akten zur Vorgeschichte der Bundesrepublik, zit. nach Marita Krauss, Heimkehr in ein Fremdes Land, S. 76) Anreize zur Rückkehr wurden in unterschiedlichen Tonlagen formuliert, so schuf die Sowjetische Besatzungszone und spätere Deutsche Demokratische Republik Bedingungen, die exilierten linksorientierten Künstlern und Wissenschaftlern die Remigration und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichterte.

Remigration in das Heimatland nach einem längeren Aufenthalt im Ausland wird heute als Thema der Migrationsforschung differenziert untersucht. Zu den Motiven der Remigration gehören weltweit auch verweigerte Aufenthaltsgenehmigungen und Abschiebung.

Weiterführende Literatur:
Brumlik, Micha (Hg.): Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945. Frankfurt 1988
Diller, Ansgar /Wagner, Hans-Ulrich: „Rückkehr in die Fremde?“ – Remigranten und Rundfunk in Deutschland 1945 – 1955.
http://www.aski.org/kb_00/kb100dra.htm
Grisko, Michael / Walter, Henrike (Hg.): Verfolgt und umstritten! Remigrierte Künstler im Nachkriegsdeutschland Frankfurt 2011
Krauss, Marita: Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945. München: Beck 2001
Krohn, Claus-Dieter u.a. (Hg.): Exil und Remigration (Jahrbuch für Exilforschung Bd. 9). München: edition text + Kritik 1991
Krohn, Claus Dieter / von der Lühe, Irmela: Fremdes Heimatland : Remigration und literarisches Leben nach 1945. Göttingen: Wallstein 2005.